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Verbreitung


Verbreitung und Verschleppung der Asiatischen Tigermücke

Seitdem Spezies in der Lage sind, sich neue Lebensräume zu erschließen, gibt es Wanderungen von Lebewesen. Diese natürlichen Wanderungen gehen meist relativ langsam vonstatten und sind durch Barrieren wie Gewässer, Gebirge oder Wüsten beschränkt. Aus ökologischer Sicht stellt diese aktive Vergrößerung des Verbreitungsgebiets kein Problem dar, da eine Tier- oder Pflanzenart so langsam in ein neues Gebiet vordringt, dass sich die ansässigen Arten auf die Einwanderer einstellen oder diese sogar wieder zurückdrängen können.
Passive Vergrößerungen von Verbreitungsgebieten, das heißt vom Menschen verursachte Einschleppungen, haben meist völlig andere Auswirkungen. Durch die Globalisierung und den damit weltweit verknüpften Verkehr werden Tier- und Pflanzenarten häufig unbemerkt über enorme Distanzen, ungeachtet der natürlichen Barrieren, in neue Gebiete verschleppt. Die Regelmäßigkeit und die Geschwindigkeit der menschgemachten Verschleppungen sind die ausschlaggebenden Faktoren für die Gründung von neuen Populationen der importierten Arten.

Ausbreitungsarten
Als eher schlechter Flieger zeigt die Asiatische Tigermücke nur geringe Ausbreitungstendenzen. Eine aktive Verbreitung der Asiatischen Tigermücke findet, wenn überhaupt, nur auf sehr kleinem Raum statt, da die Art durchschnittlich nur etwa 200 m pro Generation zurücklegt. Hat sie jedoch einmal ein optimales Habitat gefunden, verweilt sie dort und zeigt so gut wie keine Wanderung.
Daher ist die Stechmückenart zur Vergrößerung ihres Verbreitungsgebietes auf die passive Verschleppung durch den Menschen angewiesen. Hauptsächlich mit Hilfe des internationalen Warenhandels schaffte und schafft es Aedes albopictus immer wieder, selbst große Distanzen zwischen Kontinenten zu überbrücken. Hierbei spielen vor allem der Handel mit Gebrauchtreifen und Pflanzen eine wichtige Rolle, jedoch ist generell eine Verschleppung der Art in Frachtcontainern möglich. Meistens sind es die trockenresistenten Eier der Asiatischen Tigermücke, die einst in der Fracht abgelegt mit dieser verschleppt werden. Aber auch die Larven und Puppen von Aedes albopictus können in Wasseransammlungen in neue Gebiete transportiert werden.
Über kürzere Distanzen kann eine Verbreitung der Asiatischen Tigermücke über den Straßenverkehr durch Mittransport der stechwilligen Weibchen in Fahrzeugen erfolgen. Die Tiere sind derart aggressiv, dass sie uns folgen, weil sie uns stechen wollen. Dadurch gelangen sie in die Führerhäuser der Lkw, in Privat-Pkw, in Wohnwägen, in Reisebusse etc. und können als blinde Passagiere verschleppt werden. An den Zwischenstopps, wie z. B. Raststätten oder an den Endstationen können die Mücken dann ins Freie entkommen und je nach Bedingungen möglicherweise neue Populationen aufbauen.

Im Vergleich zur Verschleppung einzelner adulter Individuen ist die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Etablierung von Aedes albopictus nach dem Transport von trockenresistenten Eiern mit Frachtgut erheblich größer. Auf diese Weise können zahlreiche Eigelege von mehreren Weibchen, bestehend aus hunderten bis tausenden von Eiern mit nur einer Lieferung verschleppt werden. Die daraus resultierenden Gründerpopulationen wären daher wesentlich individuenreicher und genetisch weniger verarmt, als Populationen, die auf nur einem oder wenigen verschleppten Adulten beruhen.
Durch ihre Fähigkeit, eine große Bandbreite an natürlichen und künstlichen Brutstätten zu nutzen, durch die Trockenresistenz ihrer Eier, den geringen Anspruch bei der Auswahl eines Blutwirtes, ihrer Durchsetzungsfähigkeit, gerade auch gegen einheimische Arten, die in den gleichen Brutstätten brüten und aufgrund ihres starken Immunsystems kann Aedes albopictus in neuen Ländern schnell stabile Populationen aufbauen. Einmal etabliert, wird die Art mit nationalem Verkehr und Warenhandel in weitere Regionen dieser neuen Länder verbreitet.


Verbreitung

Weltweite Verbreitung
Die Asiatische Tigermücke stammt ursprünglich aus Südostasien und ist dort eine der häufigsten und am weitesten verbreiteten Stechmückenarten. Vermutlich schon sehr früh wurde die Art durch menschliche Immigration über den Seeweg oder Seefahrer auch in Madagaskar heimisch. Ende des 19. Jahrhunderts breitete sie sich von Südostasien nach Osten aus und erreichte Hawaii, wo sie 1902 schon eine häufig anzutreffende Art war. Ende des 20. Jahrhunderts vollzog die Art innerhalb weniger Jahrzehnte eine erstaunliche Expansion ihres Verbreitungsgebietes. Mittlerweile ist sie bis auf die Antarktis auf jedem Kontinent der Erde vorhanden. In Bild 1 sind die Länder außerhalb Europas komplett oder in Teilen rot ausgefüllt, in denen die Asiatische Tigermücke nachgewiesen werden konnte.

Vorschau Bild 1
Bild 1

Verbreitung in Europa
In Europa wurde Aedes albopictus das erste Mal 1979 in Albanien nachgewiesen. Sehr wahrscheinlich aufgrund der isolierten geografischen und politischen Lage des Landes konnte sich die Art allerdings zuerst nicht weiter ausbreiten. Eine weitere, für Europa sehr bedeutende Einschleppung erfolgte 1990 nach Italien. Dabei wurden Gebrauchtreifen aus den USA mittels Schiff in die Hafenstadt Genua transportiert und unter freiem Himmel gelagert.
Innerhalb weniger Jahre verbreitete sich die Art in weiteren Regionen Italiens und wurde mittlerweile schon in Frankreich (2000), Serbien-Montenegro (2001), , der Schweiz (2003), Belgien (2004), Griechenland (2005), Kroatien (2006), Slowenien (2006), Bosnien und Herzegowina (2006), Spanien (2006), den Niederlanden (2007), Deutschland (2007), Malta (2009), Vatikanstaat (2010), Bulgarien (2011), Russland (2011), Österreich (2011), Tschechien (2012), Türkei (2012), Rumänien (2012) und Slowakei (2012), Ungarn (2015) nachgewiesen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass es sich hierbei oft um Nachweise einzelner Individuen oder noch nicht etablierter kleiner Gründerpopulationen handelt. Eine dauerhafte Etablierung und ein Aufbau höherer Populationsdichten der Art haben in Europa bisher nur in mediterranen oder sehr wärmebegünstigten Bereichen der gemäßigten Klimaten stattgefunden. In Bild 2 sind die Bereiche in Europa mit bedeutenden Vorkommen der Asiatischen Tigermücke rot dargestellt.

Vorschau Bild 2
Bild 2

Asiatische Tigermücke in Deutschland
In Deutschland wurde die Asiatische Tigermücke das erste Mal im Jahr 2007 im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie der KABS/IfD in Kooperation mit der Universität Heidelberg nachgewiesen. An einem Parkplatz der Bundesautobahn 5 wurden von einem Weibchen von Aedes albopictus mehrere Eier innerhalb einer Eiablagefalle abgelegt.
In den folgenden Jahren wurden mehrere Monitoring- und Bürgerbeteiligungsprojekte initiiert, welche regelmäßige Einschleppungen der Art in Deutschland aufzeigen konnten. Wenn auch der Einschleppungsschwerpunkt in Baden-Württemberg liegt, wurden einzelne Individuen (Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen) oder kleine Gründerpopulationen (Thüringen) der Art auch in anderen Bundesländern gefunden.
Die erste brütende, wenn auch noch kleine, Tigermückenpopulation konnte im Spätsommer des Jahres 2014 in Freiburg gefunden werden. Schon im folgenden Jahr 2015 wurden größere brütende Populationen der Asiatischen Tigermücke in Freiburg und Heidelberg entdeckt. Während der Einschleppungsweg der Heidelberger Population bisher unklar ist, konnte für die Freiburger Population eine Einschleppung einzelner Weibchen von Aedes albopictus über ein benachbartes Terminal des Kombinierten Warenverkehrs nachgewiesen werden.
Im Jahr 2016 wurde in der Nähe einer Autobahnraststätte bei Sinsheim eine kleine brütende Population der Asiatischen Tigermücke im angrenzenden Siedlungsbereich nachgewiesen.